PROF JÖRG BOSTRÖM - "VON DER NOTWENDIGKEIT DER KUNST"
Katalogtext in : hg assmann „Bilder – zeichnungen“ 1999

 

Sie ist schwer zu ertragen diese Sache, mit der wir es zu tun haben. Ich meine unser Leben im einzelnen und allgemeinen, schwer zu ertragen ohne Kunst. Die meisten Menschen brauchen sie zur Erweiterung ihres Alltags, als Bereicherung. Die Künstler können nicht leben ohne sie. Von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins spricht Milan Kundera in seinem so betitelten Roman. Er schreibt dagegen an, gegen die Leichtigkeit, gegen die Unerträglichkeit. Wir haben es bei dem Künstler Assmann mit der Bilderwelt, mit den Sensationen des Sehens zu tun. Um nicht unterzugehn in dem Gestrüpp des Kausalen, des Banalen, der Frühstücksprobleme, dem Picken um die Hackordnung, dem Feilschen um die Varianten der Soße aus einer immer gleichen Küche, wehrt sich der Künstler mit Stiften und Pinseln, mit Kugelschreibern und Zeichenfedern, mit Lack, Öl und Acryl, mit gestischer Malerei und Suggestionen. Auf großen Flächen, auf rauen Papieren, bildet er die zerstrichelten Flächen und sich auflösenden Figuren, die Farbsplitter und Lineamente seines tonlosen Widerspruchs. Außer denen, die selbst dieser Sucht verfallen sind, sich in Bildern darzustellen, zu spiegeln und zu verformen, hält jeder die Produkte dieses Tuns für Verschönerung, für Bereicherung, Vertiefung, für uns ist es das Leben selbst. Malerei sagt Picasso, ist nicht erfunden worden, um die Wände zu schmücken, sondern als Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind. Welchen Feind? Niemand bedroht uns ernsthaft, nur die Banalität, die Sucht der Selbstzerstöhrung und der Tod.
So gesehen, ist auch die Kunst Assmanns eine ekstatische, aus sich herausbrechende Form des Lebens, ohne Zweck, wie dieses selbst.
Man darf so weit gehen zu behaupten, je zweckloser eine Bilderwelt, desto näher ist sie am Leben, an der Artikulation unserer Existenz.

"Fallrückzieher"
Öl Acryl Graphitstaub 120/140, 2005



Dieses Tun auf Leinwänden und Papieren, das sich in Ausstellungen und Katalogen eine bürgerliche, ordentlich eingefügte Form gibt, die sich durch Verkäufe und Stipendien fortpflanzt und sich so in eine täuschende Zweckbestimmung einmogelt, es existiert in Wahrheit nur aus sich und für sich selbst. Kunst gehört zu unseren elementarsten Äußerungen. Man erkennt in der Geschichte die Geburtsstunde des menschlichen Bewußtseins in den Malereien der Höhlen von Lascaux und Chevaux, in den gezeichneten Jägern und Tieren, in den Schwimmerbilder unter dem Boden der Wüste Sahara.
In der von Zweck- und Zieldenken strukturierten, verschulten Welt, welche immer wieder versucht, die sinnlose Lust an der Malerei, an der Erzeugnung optischer Gleichnisse und Fragen, in vertraute, gesellschaftlich nützliche Funktionen zu pressen, in den Handel, den Markt, den Veitstanz des sozialen Prestige, bricht dieser ungezogene Trieb zur visuellen Musik immer wieder auf.
Der Körper ist das Instrument dieser Produktionen, die Hand, das Auge, aber auch Arme, Beine, Bauch und Kopf.

"Bein-Stück"
Öl Acryl Graphit auf Leinwand 160/140, 2002



Jeder Strich, jeder Farbauftag auf der Fläche, geht durch Nerven und Muskulatur. So ist es nicht verwunderlich, dass der Körper, die Figur, die physische Empfindung des Selbst immer wieder zum teils offensichtlichen, teils verschlüsselten Inhalt der Bilder wird, selbst da wo diese sich in freien Formen auf der Leinwand entwickeln.
Die Kunstpsychologie spricht von eine anthropomorphen Struktur unseres Sehens und Gestaltens.
Wenn die Welterfahrung vom ersten Griff des kleinen Kindes an seinen Zeh bis zur Umarmung des anderen Menschen über den Körper läuft, durch ihn hindurch geht, so ist es begreiflich, dass dies sich in den Malereien und Figurationen niederschlägt. Man spürt in den Werken Assmanns nicht nur die geistige, sondern auch die körperliche Präsenz des Künstlers.

"Fruechen"
Öl Acryl Graphit auf Leinwand 160/140, 2002-2004



Insofern ist seine Kunst auch ein Stück weit Indiskretion, Überschreiten der Grenzen von Intimsphären zwischen Gestalter und Betrachter.
Die Faszination des Gestalters beim Setzen der Linien, des Strichgespinsts, das sich von Aufbau und Zerstörung fortentwickelt zu einer scheinhaften Endgültigkeit, die sich schon bei bildnerischen Vorstellungen fast zwanghaft entwickelt, ist einem Betrachter schwer zu vermitteln. Einen Rest davon strahlen die fertigen Werke aber immer noch aus.
Schon unbestimmte Formen im Material setzen unsere Vorstellung in Bewegung. Sie können vielerlei bedeuten, Flecken, Wolken, abgeschrubbte Dielenböden,Schaum, Rauch, Büsche in der Nacht, Zypressen und zerfließende Milch im Teeglas. Sie sind in den Umrissen offen, bewegt, erzeugen ständig neue Bildverbindungen. Leonardo da Vinci empfiehlt den Blick auf buntgefleckte Mauern. Als Künstler der Renaissance sieht er Schlachten darin, Gestalten mit lebhaften Gebärden, seltsame Gesichtszüge und Gewänder. Erlkönigs Töchter sieht der Reiter in Goethes Gedicht in den Nebelschwaden und Finsternis aus dem Gesträuche blickt ihn selbst mit schwarzen Augen an. Dem Surrealisten Max Ernst erscheint die Sphinx in ihrem Stall.

"Drachentöter"
Graphit Acryl Collage 160/120, 2000



Für den Psychologen Leo Navratil ist das menschliche Gesicht als Urerfahrung des ersten Blickes auf die Welt die stärkste Vision in der Deutung des Unbestimmten, weiterhin sieht er darin Anthropomorphes, Körperformen in unheimlicher, fantastischer und sexueller Formation. Fast zeitgleich mit den Surrealisten entdeckt im Behn-Rorschach Test die Psychologie die Bedeutung der Ausdeutung nicht festgelegter Bilder. Die Tafeln mit sorgfältig getesteten Klecksbildern dienen der Analyse gutwilliger Patienten und werden zeitweilig als Grundlage für Einstellungsgespräche mißbraucht.
Es geht darum, die tiefen Schichten der Psyche und der Bilder zu reizen, hervorzukitzeln, die festgefahrenen Klischees der Massenkultur aufzuweichen, um die darunter fließenden Lavaströme freizulegen und ihre Formwelt im Zustand ihrer Entstehung zu erleben.

"ATOLL 05"
Graphit/ Tusche auf Leinwand 160/120



Die Arbeit mit wuchernden Strichen, den Verletzungen und dem emphatischen Streicheln der Oberflächen, dem Fließenden, noch unbestimmten Figurieren, dem allmählich sich Formenden vermittelt ein immer wieder faszinierendes Erlebnis, wenn man sich mit und neben dem Künstler darauf einlässt, es führt zu einer Offenheit und unbefangenen Intimität der Bildsprache, welche an die Grenzen der Person führen kann, an die Haut und gelegentlich unter sie.
Zwischen Selbsterfahrung, Bildentwicklung, Zugriff auf die Innenseiten, an die sich auflösende Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen sich selbst bestimmendem Material und Kunst bewegt sich solche Bildnerei.
Nicht nur die Willkür der Hand hat das Sagen sondern es sind auch die Bewegungen der Substanzen selbst, welche dem Bildprozeß über die psychische und formale Lenkung hinaus die Objektivität von Naturprozessen gibt. Entsprechungen von Wolkenbildungen, Gezeiten, Schaum und Rauch erschließen sich der Beobachtung. Das rauschhafte Einatmen der ätherischen Dämpfe beim Grafiker, Maler und Fotografen verbindet sich mit dem freigelegten Bildgedächtnis des Hirns.

"Alles ist Rand"
Graphit auf Leinwand 120/160, 2001



Pythia, die Seherin des delphischen Orakels, pflegte ihre dunklen Zukunftsverse unter dem Einfluß von Dämpfen den ängstlichen Pilgern mitzuteilen.
Die Arbeit des Künstlers bewegt die Stofflichkeiten der Materie, bis das Material zu glühen beginnt.
Es ist dieses Erlebnis, das den Künstler Assmann wie eine Sucht an seine Handlungen fesselt und das die Betrachter immerhin soweit faszinieren kann, das einige von ihnen verleitet werden, kleinere oder großere Summen für diese überflüssigen Schöpfungen auszugeben, die nun als Kunstwerke bezeichnet eine vorgetäuschte geordnete und gerahmte Existenz beginnen.

Herford, 30.6.1999